3 weniger bekannte Erscheinungen, die auf eine Depression hindeuten können

Depression. Mittlerweile ist sie als Krankheitsbild quasi salonfähig geworden.

Die meisten Menschen stellen sich unter einem an einer Depression leidenden Menschen in etwas folgendes vor:

jemand, der sich von der Welt ausschließt, zu nichts mehr Lust hat, still und vergrämt wird, empfindlich oder irgendwie seltsam wirkt, viel weint oder dumpf vor sich starrt und im schlimmsten Fall keinen Sinn mehr im Leben sieht.

Diese allgemein bekannten Merkmale stimmen auch grundsätzlich. Doch eine Depression kann ebenso wie ein Chameläon daher kommen. Also gut getarnt.

depression

Immer wieder begegne ich diesen Erscheinungen in meinem Praxisalltag . Ich erfahre sie direkt von meinen Klientinnen und Klienten oder durch Angehörige von Betroffenen.

 

Depressionen sind ein Krankheitsbild, das nicht nur den Erkrankten immense Probleme und eine starke Verschlechterung der Lebensqualität bereitet, sondern auch den Angehörigen. Sehr oft ist es meine Aufgabe, Menschen zu stärken und zu begleiten, deren Leben durch die Krankheit des Partners oder Verwandten ebenfalls ungünstig beeinflusst wird.

Es entwickeln sich oft u n b e w u s s t Verhaltenskonstellationen und Schutzmechanismen der Angehörigen, um die Atmosphäre im Zusammenleben zu entspannen, nicht selbst zu verzweifeln oder Konflikten aus dem Weg zu gehen. Dabei werden meist deren eigene Bedürfnisse unterdrückt und das Wohlbefinden orientiert sich am Befinden des depressiven Familienmitglieds. So entstehen leidvolle Kreisläufe für alle Beteiligten.

Das heißt auch nicht, dass die Erkrankten sich absichtlich oder bösartig so verhalten, sondern dass das zuvor Geschilderte entstehen k a n n, aber nicht zwangsläufig m u s s.

 

Drei allgemein weniger typische Erscheinungen fielen mir stark ins Auge und diese möchte ich gerne weitergeben, um zu sensibilisieren. Diese können, aber müssen nicht bedeuten, dass eine Depression besteht.

Die Diagnose einer Depression ist stets ganzheitlich zu stellen und erfordert mehrere Belege zur Begründung. Mögliche Abgrenzungen zu anderen psychischen Erkrankungen lasse ich hier bewusst aus, sondern beschränke mich auf Zusammenhänge mit dem Krankheitsfeld der Depression.

1. Unerklärliche körperliche Symptome

Plötzlich plagen Schmerzen im Körper, die entweder stets die gleichen Stellen befallen oder wandern . Der Gang zum Hausarzt oder Spezialisten oder gar zur Fachklinik bringt keinerlei Erkenntnisse und die Schmerzen bestehen weiter.

Am häufigsten melden sich Rücken, Muskeln, Bandscheiben, der Magen und der Darmtrakt. Manchmal vermischen sich die Schmerzfelder, manchmal bestehen sie nur in einer Region.

Auch unerklärliche Probleme im Atemtrakt, wie z.B. das Gefühl der Enge beim Atmen oder ein wiederkehrendes Schwindelgefühl oder Kopfschmerzen ohne organische Ursache gehören dazu. Man spricht dann von einer „larvierten“ also versteckten Depression. Betroffene reagieren oft mit Frust oder Verzweiflung, weil sie als „eingebildete Kranke“ abgestempelt werden oder keinen Heilungsweg sehen.

Wie kann es denn bitte zu den genannten Erscheinungen kommen?

Einfach formuliert geschieht es so: seelische Schmerzen, wie z.B. Trauerreaktionen, starke Selbstwertprobleme, Verlusterfahrungen etc. werden in spezifischen Arealen des Gehirns verarbeitet und zwar in denen, die unglücklicherweise auch aktiviert werden, wenn der Mensch körperlichen Schmerzen ausgesetzt ist.

Es findet quasi eine Verwechslung statt. Von der biochemischen Seite her ist der Aspekt zu sehen, dass ein Mangel an den Hormonen Serotonin und Noradrenalin die Entstehung einer larvierten Depression begünstigt.

2.Gereizte Stimmung

Der Stereotyp der an einer Depression erkrankten Person zeigt, wie eingangs schon erwähnt, einen zurückgezogenen, ruhigen, antriebsarmen und traurigen Menschen. In vielen Fällen ist das auch so.

Doch besonders bei Männern ist die Verbindung zwischen Depression und sagen wir mal Aggression ausgeprägter als bei Frauen.

Sie können plötzlich hochgehen wie eine Rakete – unabhängig vom Anlass – , erkennen sich selbst nicht mehr, regen sich grundsätzlich leichter als früher auf, erscheinen nörgelig und missgestimmt, überkritisch und verlieren die Beherrschung, indem sie laut werden oder „die Hand ausrutscht“. Dies können erst die Vorboten einer sich anbahnenden Depression sein oder auch individuelle Bestandteile einer akuten. Betroffene empfinden ihre Ärger-Anfälle selbst als nicht angemessen.

Zudem nagt das Gefühl, die Kontrolle über sich und das eigene Leben zu verlieren. Dies wird nicht bewusst gespürt. Es wird nur diffus gefühlt, dass etwas „anders“ ist und dies bewirkt Unsicherheit und Ängstlichkeit, die im Reflex zu o.g. „Ausrastern“ führen kann. Z.B. negatives Denken, leidvolle lebenslange Lernerfahrungen, eine starke Selbstwertproblematik und evtl. auch eine unzureichende Balance der Neurotransmitter können in dieses Verhaltensmuster führen.

3.Leben in der Vergangenheit

Fast jeder kennt einen Menschen in der eigenen Umgebung oder gar Familie, der häufig in die Vergangenheit abgleitet und an alten Themen und Erfahrungen kleben bleibt. Oft wird gehadert, oft wird auch verherrlicht bzw. in Bezug auf die Gegenwart in gut und böse polarisisert. Auf jeden Fall fühlt sich so ein Mensch im Mangel.

Dazu kommt, dass die Gegenwart so zu wenig wahrgenommen wird. Gefühle von Wut, Hass, Trauer und Machtlosigkeit werden immer wieder thematisiert und andere Menschen oder Umstände werden angeklagt. Die Vergangenheit scheint stets präsent zu sein. Es ist kaum möglich, das gemeinsame Gespräch auf andere Themenkreise zu bringen und falls doch, findet das Gegenüber immer wieder Schlupflöcher, um auf sein Leid erzeugendes Thema zurück zu kommen.

Solche Menschen vereinsamen oft, weil sie für andere sehr anstrengend sind und ein für beide Seiten erfüllender Austausch nicht möglich ist. Es kann im Leben immer wieder vorkommen, dass Menschen über einen längeren Zeitraum quasi nur ein Thema kennen, wie z.B. das Fremdgehen oder die Trennung des Partners. Meistens besitzt die menschliche Seele eine natürliche Regenerationskraft, um diese leidvollen Themen eines Tages doch abzuschließen oder sie als Teil der eigenen Biografie zu akzeptieren.

Besteht dieses Hadern und Polarisieren allerdings schon – wenn es schlecht läuft – über Jahre, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass eine Form der Depression entstanden ist. Permanentes negatives Denken über die gleichen Inhalte hat einen „Trampelpfadeffekt“.

Der Trampelpfad wird immer mehr ausgetreten, bis schließlich keine Pflanzen mehr wachsen, weil der Boden durch das Begehen so verdichtet wurde und schließlich ein Weg bleibt. So ist es auch mit unserem Denken bis die Verbindung mit negativen Gefühlen bestehen bleibt. Steter Tropfen höhlt den Stein. So manch „verschrobener Mensch“ leidet in Wahrheit an einer depressiven Erkrankung.

Und falls Sie sich oder einen bestimmten Menschen in meiner Beschreibung wiedererkennen würden, kann es hilfreich sein, den Arzt des Vertrauens aufzusuchen und/oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Depressionen sind keine Schande und auch nicht selbstgemacht. Theoretisch kann jeder davon betroffen werden. Je schneller diese Erkrankung erkannt wird, um so besser sind die Heilungschancen.

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