Bin ich co-abhängig?

Vielleicht hast Du den Begriff der „Co-Abhängigkeit“ schon gehört oder gelesen.

Auf den ersten Blick klingt er wegen der Silbe „Co“ nach „Gemeinschaft“ und man könnte meinen, es handle sich z.B. um partnerschaftliches und einvernehmliches Konsumieren von sagen wir mal ungesunden Substanzen.

So ist es natürlich nicht.

Weiter unten im Text kannst Du testen, ob Du von Co-Abhängigkeit betroffen bist und erhältst Fallbeispiele.

Der Begriff der Co-Abhängigkeit wird heute zudem weitläufig auf Angehörige übertragen, in deren Familienkreisen es psychisch Erkrankte gibt. Auch bei der Analyse und Beschreibung von menschlichen Beziehungen jedweder Art wird er mittlerweile verwendet.

Der Ursprung

Geprägt wurde der Begriff der „Co-Abhängigkeit“ in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts durch das Untersuchen und Therapieren von Familien, in denen eine oder mehrere Personen an einer stoffgebundenen Suchterkrankung (Alkohol, Drogen, Schmerzmittel usw.) litten.

Man versuchte krankheitsfördernde Dynamiken innerhalb der von Sucht betroffenen Familien zu erkennen.

Nach wie vor sind solche Erkrankungen mit einem Tabu behaftet. Betroffene und ebenso deren Angehörige öffnen sich aus Furcht vor Diskriminierung nicht.


Das Blaue Kreuz erklärt den Begriff der Co-Abhängigkeit folgendermaßen:

Das Verhalten von suchtkranker Menschen belastet in außerordentlicher Weise auch ihre Angehörigen wie die Eltern, Partner und Kinder, aber auch Freunde und Arbeitskollegen.

Die wollen helfen, weil sie in einem langen Leidensprozess immer mehr von deren Sucht mitbekommen und den suchtkranken Menschen meist trotz des erfahrenen Leides lieb haben.


Aus der Not heraus übernehmen sie Verantwortung für die Dinge, für die der Abhängige verantwortlich ist. Da sich die Gedanken Angehöriger immer mehr um den Suchtkranken drehen, nehmen sie ihre eigenen Gefühle kaum mehr wahr und stellen eigene Bedürfnisse immer mehr zurück
.“

(zu lesen auf: https://www.blaues-kreuz.de/de/sucht-und-abhaengigkeit/fuer-angehoerige/).

Die Intention für co-abhängiges Verhalten ist also Zuneigung, Schutzinstinkt oder ein Verantwortungsgefühl. Gründe, die plausibel und menschlich erscheinen.

Leider mindert dieses Reagieren die Erkrankung des Familienmitglieds und damit des gesamten betroffenen Systems nicht und fördert es sogar ungewollt.

Ein Kreislauf beginnt…

Nicht nur Partner und Kinder von suchtkranken Menschen können eine Co-Abhängigkeit entwickeln.

Gefährdet sind auch Menschen mit einer familiären oder beruflichen Beziehung zu emotional und / oder geistig gestörten Persönlichkeiten. Das können sowohl Ärzte, Therapeuten, Fachkräfte in Pflege wie auch Eltern von verhaltensauffälligen Kindern etc. sein

(Quelle: Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe )


Wie ist es heute?

Der Begriff der Co-Abhängigkeit wird heute zudem weitläufig auf Angehörige übertragen, in deren Familienkreisen es psychisch Erkrankte gibt. Auch bei der Analyse und Beschreibung von menschlichen Beziehungen jedweder Art wird er mittlerweile verwendet.

Schon länger wird diskutiert, den Begriff durch Synonyme wie „Mitbetroffenheit“ oder „suchtunterstützendes/ suchtförderndes Verhalten“ oder gar „emotionale Verstrickung“ zu ersetzen,

da der Ursprungsbegriff von manchen Menschen als diskriminierend oder stigmatisierend empfunden wird.


Wie sieht co-abhängiges Verhalten im Alltag aus?

Die Definition des Blauen Kreuzes lautet:

Co-Abhängigkeit
… ist ein Leiden, das dann entsteht, wenn man sein eigentliches Selbst aufgibt, um innerhalb eines gestörten Familien- oder Beziehungssystems überleben zu können.

Co-Abhängige sind so stark auf das Verhalten anderer bezogen und durch dieses bestimmt, dass sie kaum mehr Beziehung zu sich selbst haben.

Co-Abhängige kennen also ihr wirkliches Selbst nicht (mehr). Sie haben gelernt, es so unter Verschluss zu halten, dass die Gefühle für ihren Selbstwert und die Verbindung zu anderen gestört sind.

Co-Abhängigkeit führt zu Stress, Leiden, gestörten Beziehungen und körperlichen Krankheiten.“

(Quelle: https://www.blaues-kreuz.de/de/bayern/memmingen/blaues-kreuz-memmingen-e-v/angehoerige/)

Mitbetroffene glauben paradoxerweise aus ihrer Hilflosigkeit heraus, den Kranken mit der Kraft des eigenen Willens heilen zu können

Sie machen Ihr Selbstwertgefühl abhängig vom Verhalten des Kranken/Süchtigen.

 Lesetipp: 

Dieser Artikel erklärt den Mechanismus am Beispiel Alkoholsucht sehr anschaulich:

https://www.blaues-kreuz.de/fileadmin/staedte/nuernberg/bk-nuernberg-ev/PDF-Dateien/co-abh01.pdf

Menschen, die bereits in Kindheit und Jugend ein co-abhängiges Verhalten leben mussten, sind stärker gefährdet, diese Strategie auch als erwachsene Person anzuwenden.

Dies geschieht zumeist unbewusst und geprägt von Glaubenssätzen wie „Ich bin verantwortlich für das Wohlbefinden anderer.“ oder „ Ich bin ein schlechter Mensch, wenn ich nicht helfe.“ oder „Niemand darf erfahren, wie es wirklich bei uns zugeht.“


Also bin ich nun co-abhängig?

Tue ich meinen Nächsten aus reiner Nächstenliebe etwas Gutes, ist dies noch lange kein co-abhängiges Verhalten.

Die Dosis macht sozusagen das Gift.

Das Blaue Kreuz hat einen Selbsttest entworfen, um sich einzuschätzen.

(Quelle: https://www.blaues-kreuz.de/de/rheinland/duisburg/begegnungsgruppe-duisburg-mitte/selbsttest/co-abhaengigkeit/)

Ursprünglich geht es hierbei um Alkoholabhängigkeit, ist jedoch umlegbar auf andere stoffgebundene und nichtstoffgebundene Süchte und vielfältige soziale Beziehungsmuster !

1. Haben Sie schon öfters mit ihm/ihr zu Hause getrunken/ etwas daheim gemacht, damit er/sie nicht in der Wirtschaft versackt/nicht in der Öffentlichkeit auffällt?

2. Fühlen Sie sich stark, wenn der/die Abhängige /Erkrankte sich schwach fühlt?

3. Werden Sie von der Verwandtschaft / Nachbarschaft gelobt, weil Sie so stark sind?

4. Fühlen Sie sich zum Lügen und Decken von Unregelmäßigkeiten gezwungen, weil sie Ihren Partner nicht ausliefern wollen?

5. Hängen Ihre Gefühle sehr stark von der Situation des Partners ab?

6. Kümmern Sie sich um alles, weil der Partner/Partnerin es nicht mehr kann?

7. Haben Sie Angst, der Abhängige könnte aggressiv werden, wenn Sie mit ihm/ihr über Alkohol/Problem reden?

8. Vermeiden Sie es, mit anderen Leuten über das Trinkproblem /Krankheit/ Problem ihres Partners zu reden?

9. Haben Sie ihrem Partner schon mal mit Scheidung gedroht, weil er/sie soviel trinkt/ sich auf bestimmte Art verhält?

10. Ärgern Sie sich , weil ihr Partner ihre Ermahnungen nicht ernst nimmt?

11. Wünschen Sie sich manchmal den Tod ihres Partners?

12. Haben Sie häufiger das Gefühl , das Sie gegen den alkoholabhängigen/ erkrankten Partner machtlos sind?

13. Haben Sie schon häufiger Drohungen, die Sie ausgesprochen haben, nicht wahr gemacht oder vergessen?

14. Haben Sie das Gefühl, das der Alkohol /das (ungesunde) Verhalten eine immer wichtigere Rolle in ihrer Partnerschaft spielt?

15. Übernehmen Sie zunehmend Aufgaben, die eigentlich Ihr Partner noch ausführen könnte?

16. Nehmen die Trennungsgedanken zu/oder feste Formen an?

17. Sind Sie in letzter Zeit häufig deprimiert und verzweifelt, weil sich am (Trink)Verhalten des Partners nichts ändert?

18. Sind Sie wegen psychosomatischer Beschwerden in ärztlicher Behandlung?

19. Wissen Sie manchmal nicht , woher Sie das Geld für den Haushalt nehmen sollen?

20. Wechseln Ihre Gefühle für den Partner häufiger zwischen tiefem Hass und großer Liebe?

21. Haben Sie das Gefühl , das Ihr Partner noch tiefer rutscht, wenn Sie ihn /sie verlassen?

22. Wissen Sie nicht mehr, wie es weiter gehen soll, weil Sie so verzweifelt sind?

Auswertung: Solltest Du mehr als 8 Fragen mit „ja“ beantworten können, empfiehlt es sich, eine Selbsthilfegruppe oder Suchtberatungsstelle aufzusuchen bzw. eine Therapeutin/einen Therapeuten.

Ich möchte noch ein paar eigene Zusatzfragen hinzufügen, die dazu dienen dürfen,

sich selbst zu reflektieren und sich bewusst zu fragen, ob die individuelle Situation noch akzeptabel ist.

Hast Du Probleme, etwas mit Dir selbst anzufangen?

Hast Du Deine sozialen Kontakte vernachlässigt oder gar aufgegeben?

Suchst Du nach Möglichkeiten, um die Stimmung Deiner Partnerin/Deines Partners rechtzeitig erkennen zu können?

Hast Du Deine persönlichen und oder beruflichen Ziele zurückgestellt oder gar aufgegeben?

Fühlst Du Dich vom Leben bestraft, benachteiligt oder ungerecht behandelt?

Trägst Du Schuldgefühle oder ein anhaltendes schlechtes Gewissen in Dir?

Ist Dir die Freude an Geburtstagen, familiären Zusammenkünften, Unternehmungen und Feiern verloren gegangen?

Vertraust Du Deinem eigenen Urteil bzw. Bauchgefühl weniger oder nicht mehr?


Die Phasen der Co-Abhängigkeit

Co-Abhängigkeit beinhaltet 3 Phasen, die nacheinander ablaufen können oder auch fluktuieren bzw. sich abwechseln.

Die Beschützerphase: Co-Abhängige beginnen, Verantwortung für den Erkrankten /Angehörigen zu tragen.

In der Beschützerphase erfährt der Kranke/Suchtkranke/Partner besondere Zuwendung und Mitgefühl in der Hoffnung, er könne seine Krankheit/Sucht/Probleme aus eigener Kraft überwinden. (Quelle: wikipedia.de)

Dazu ein Fallbeispiel:

Fall 1: Eine Frau, deren Mann an Stimmungsschwankungen litt, vermied und verbannte mögliche Auslöser, die bewirkten, dass er verbal aggressiv und sehr laut wurde. Sie lud niemanden mehr zu sich ein.

Blieb ihr Partner ruhig, fühlte sie sich besser und hoffnungsvoller. Sie sah sich als Ursache und Lösung für sein Befinden.

Wurde am Telefon nach ihrem Mann gefragt, dann erfand sie Ausflüchte. Als sie den Keller entrümpelte, wunderte sich ihre Nachbarin, dass sie dies allein tat und die Frau erfand eine Rückenverletzung ihres Mannes.

Kontrollphase: Co-Abhängige verlieren an Selbstwert

In der Kontrollphase übernehmen die Bezugspersonen die Aufgaben und Probleme des Kranken/Süchtigen/Partners, wodurch sie die Krankheit/Sucht/ Probleme gegenüber dritten Personen verdecken. (Quelle: wikipedia.de)

Dazu ein Fallbeispiel:

Fall 2: Eine an verschiedenen Phobien leidende Frau konnte nicht mehr selbst Auto fahren. Auch das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln ängstigte sie.

Ihr Partner versuchte sie vor ihren Angstattacken zu schützen und fuhr sie zu ihren Terminen. Er war überzeugt, dass sein Schutz ihr die nötige Hilfe bieten würde und freute sich, für sie da zu sein. Doch der Krankheitsverlauf verschlimmerte sich, so dass die Frau nicht mehr außer Haus gehen konnte und keine Urlaubsreisen mehr stattfanden.

Ihr Partner begann, einen Trainingsplan zu erstellen. Er fuhr mit seiner Frau zu öffentlichen Parkplätzen, um das Autofahren zu trainieren. Er begleitete sie zur Straßenbahn und ermutigte sie einzusteigen und von ihm begleitet zu fahren. Er stellte einen Stundenplan auf, damit sie selbst trainieren könnte, wenigstens aus dem Haus auf den Gehweg zu gelangen. Er rief von unterwegs an und erkundigte sich nach den Übungen.

Trotzdem wurde es nicht besser und der Mann zweifelte an seinen Qualitäten als Partner. Immer wieder kam es zum Streit und die Frau fühlte sich gegängelt und überfordert und ihr Partner hatte das Gefühl, dass sie ihn sabotiere.

Anklagephase: Co-Abhängige lassen ihren negativen Gefühlen freien Lauf

Die Anklagephase ist durch zunehmende Aggression und Verachtung dem Kranken/Suchtkranken/ Partner gegenüber geprägt. Am Ende kann eine vollständige Hilflosigkeit der Co-Abhängigen entstehen. (Quelle: wikipedia.de)

Dazu ein Fallbeispiel:

Fall 3: Frau Z. war in einem strengen Elternhaus aufgewachsen. Von ihr und ihren Geschwistern wurde stets bestes angepasstes Benehmen erwartet. Frau Zs neuer Vorgesetzter erwies sich als sehr anspruchsvoll. Er gab bald zu verstehen, dass ihm „alles zu viel sei“ und er deshalb so nervös sei.

Frau Z. fühlte sich für das Arbeitsklima verantwortlich und begann Arbeiten aus dem Bereich ihres Vorgesetzten zu erledigen. Sie stellte fest, dass dieser dann umgänglicher war und sie und ihre Kollegen sich entspannter fühlten. So fielen einige unbezahlte Überstunden an.

Leider hielt die bessere Stimmung ihres Vorgesetzten nicht sehr lange an und Frau Z. legte noch einen Zahn zu, um dessen Laune zu besänftigen. Je mehr sich Frau Z. Bemühte, um so kürzer fielen die Phasen der betrieblichen Harmonie aus.

Sie fühlte sich ohnmächtig und gefangen. Sie schlief schlechter und spürte Schmerzen im Nacken. Sobald sie sich morgens auf den Weg zur Arbeit machte, kamen Gefühle von Wut und Wünsche nach Vergeltung in ihr auf.

Schließlich erwachte sie eines Morgens mit dem Eindruck, sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen zu können und rief den Notdienst. Nach eingehenden Untersuchungen wurde sie in einer Reha-Maßnahme aufgenommen.

Co-Abhängigkeit ist kein Phänomen, das nur in suchtkranken Familien entsteht. Es kann in vielen Beziehungsgeflechten entstehen.

Betroffene wachsen sozusagen unbewusst in ihre Rolle und damit auch die drei beschriebenen Phasen hinein.

Aber: nicht in jeder suchtkranken Familie oder von Krankheit geprägter Familie oder dysfunktional ausgerichteter Beziehung muss innerhalb der Angehörigen eine Co-Abhängigkeit entstehen.


Und wenn ich nun feststelle oder vermute, co-abhängig zu sein?

Je früher Du Dir Unterstützung und Hilfe holst, umso besser.

Eine gute Anlaufstelle sind Selbsthilfegruppen. Dort tauscht man Erfahrungen auf vertraulicher Basis aus und hört einander zu. Vielen Menschen tut bereits die Erfahrung gut, mit ihrer Belastung nicht allein zu sein.

Es ist zudem sinnvoll, sich dem eigenen Hausarzt anzuvertrauen und ihn um Kontakte zu Hilfsangeboten zu bitten.

Bei uns Therapeutinnen und Therapeuten erhältst Du Aufklärung über die Krankheit des Angehörigen und Stärkung für Ihr Selbstwertgefühl, sofern Du wünschst.

Und aus menschlicher Sicht empfehle ich, die Familie und nahestehende Personen in die Problematik einzubeziehen. Du kannst nichts für die Entstehung der Grundproblematik und Du hast weiterhin das Recht auf angenehmen erfreulichen Umgang mit anderen. Du kannst auch nichts dafür, wenn andere Dich oder Deine Angehörigen negativ bewerten.

Theoretisch kann jede Familie, jede Beziehung vor unglaubliche gesundheitliche und persönliche Herausforderungen gestellt werden.

Wir Menschen sitzen diesbezüglich alle in einem Boot.

Doch es gibt viele Möglichkeiten, um in eine neue Balance zu kommen.

Kanntest Du bereits den Begriff der Co-Abhängigkeit? Welche Überlegungen hast Du zu diesem Artikel?

Schreib es gerne in den Kommentar.

Ich wünsche Dir gute Gedanken und Gefühle jederzeit.

Deine Claudia

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